Geistlicher Impuls zu Ostern 2021

grabkirche

Die Grabeskirche in Jerusalem Foto: Liebschwager

 

Liebe österliche Gemeinde,

es gibt eine humorvolle Geschichte über Josef von Arimathia, der nach der biblischen Überlieferung seine Familiengrabstätte für den Leichnam Jesu zur Verfügung stellt.

Josef von Arimathia kommt nach Hause zu seiner Frau: "Du, Schatz, ich muss Dir etwas beichten" "Ja? Was denn?"  „Ich habe unser Familiengrab zur Verfügung gestellt.“ „Was hast Du?“ „Ja, ich habe unser Familiengrab zur Verfügung gestellt. Jesus wurde doch gekreuzigt und seine Freunde und die Familie hatten keine Grabstätte für ihn und - na ja - da hab ich eben unser Familiengrab zur Verfügung gestellt.“ „Bist Du verrückt?“ ruft seine Frau. „Das ist unser Grab, da hat schon dein Vater drin gelegen und Dein Großvater, das kannst Du doch nicht einfach weggeben.“ „Ach Schatz, nun beruhige Dich doch. Ist doch nur für drei Tage…“

Ist doch nur für drei Tage. Wenn es man immer so einfach wäre. Ist doch nur für drei Tage. Wenn alles Leid dieser Welt, alles Elend, alle Krankheit, aller Tod nach drei Tagen beendet wäre, dann bräuchten wir keine Angst zu haben. Aber unsere Erfahrung ist eine andere. Tot ist tot, Schmerz hält manchmal Wochen, manchmal Monate, manchmal ein Leben lang. Unsere Friedhöfe bestehen nicht aus leeren Gräbern, sondern sind Orte der Tränen und der Trauer, mehr als drei Tage lang. Schön wär's, wenn es anders wäre, aber es ist eben nicht anders. Schön wär's, dachten sich auch die drei Frauen, die morgens zum Grab gingen, zum Familiengrab des Josefs von Arimathia, um dem Verstorbenen noch einen letzten Liebesdienst zu erweisen. Seinen toten Körper wollten sie salben und ihn nach jüdischer Tradition in Leinen wickeln. Und so kamen sie zum Grab, nach drei Tagen, Maria, Salome und die andere Maria, wie es im Markusevangelium heißt. Sie suchen den Leichnam, doch das Grab ist leer. Im Grab sitzen dagegen zwei Engel, die ihnen erklären, was geschehen ist.  Der Beweis der Auferstehung ist scheinbar erbracht. Nun sollten sie eigentlich loslaufen und sich freuen, es allen weitererzählen, ein großes Festmahl halten, Kerzen der Hoffnung anzünden, nichts davon passiert, genau das Gegenteil ist der Fall. Furcht und Zittern ergreift sie. Das leere Grab bedeutet nichts. Da könnten hunderte von Engeln drinsitzen, das leere Grab bedeutet nichts. Es gibt in der ganzen biblischen Tradition keine einzige Geschichte, in der das leere Grab Glauben geweckt hat, auch nicht bei den Frauen. Im Gegenteil: das leere Grab erzeugt keinen Osterglauben, sondern Furcht und Zittern.

 Ja, es macht Angst, dass all unsere Erfahrung, das, was unsere Welt im Innersten zusammenhält, all unsere Weisheit, unsere Welterfahrung, zu Ostern ad absurdum geführt wird. Unsere Erfahrung sagt: Tod ist Tod und Leben ist Leben. „Genieße das Leben ständig, denn Du bist länger tot als lebendig“, dieser Satz hing früher bei uns zu Hause im Flur. Du bist länger tot als lebendig, länger als drei Tage. Und so kann das leere Grab keinen Glauben wecken, weil es gegen unsere Erfahrung steht. Der Osterglaube ist ganz woanders gewachsen. Er ist dort entstanden, wo Jesus nach seinem Tod Menschen begegnete. In den Begegnungen mit dem Auferstandenen erfahren Menschen die Kraft Gottes, der uns nicht im Grab, im Tod belässt. Die Frauen erfahren ihn in Galiläa, dort, wo sich kein frommer Jude hin verirrt, die Emmausjünger erfahren ihn im gemeinsamen Abendmahl, nachdem er schon Stunden mit ihnen gegangen ist, die Jünger am See Genezareth erfahren ihn als Gestalt am See Genezareth, wo er ihnen beim Fischfang hilft, und sie sich fragen, wer das denn sei. Diejenigen, die auf ihren Wegen Jesus als Kraft Gottes erfahren, die begreifen, was es mit der Auferstehung auf sich hat, mit einem Wunder, das all unser menschliches Denken übersteigt, aber gleichzeitig unser Denken und Handeln verändert. „Christus ist auferstanden“, ist das erste Bekenntnis der Christen. Mehr hatten sie nicht. Es gab noch keine Evangelien, noch keine Weihnachtsgeschichte und keine Wundererzählungen. Dieses eine Bekenntnis „Christus ist auferstanden“ reichte aus, um Gemeinden zu gründen, um sich zu versammeln, zu singen, zu beten, das Mahl zu feiern. Bis heute ist das nicht anders. Unser Glaube lebt davon, dass wir aus den Begegnungen mit Gott leben. Gott bleibt lebendig in Begegnungen, in Erfahrungen in Zweifel und Hoffnung. Viele verwechseln schnell die Auferstehung mit der Himmelfahrt Jesu. Auferstehung ist aber gerade nicht die Entrückung aus dieser Welt, sondern die Gegenwart Gottes in dieser Welt.

Es gibt keinen einzigen Beweis, der wissenschaftlich haltbar wäre, für die Auferstehung Jesu. Keinen einzigen. Aber es gibt die Erfahrungen, die andere vor uns gesammelt haben und die wir selbst immer wieder  sammeln, die uns die Gewissheit geben, dass Jesus und mit ihm die Kraft Gottes unter uns lebendig ist und uns Kraft gibt, unser Leben zu gestalten. Begegnungen, aus denen wir anders herausgehen als wir hineingegangen sind, weil sich in uns etwas verändert hat. Erlebnisse, die wir im Nachhinein als Fingerzeige Gottes deuten. Das plötzliche Entdecken eigener Kraft um mit schwierigen Situationen umgehen zu können, Hilfe in schwierigen Situationen, auf die ich nicht zu hoffen gewagt hätte. Wir erfahren den Auferstandenen in unseren ganz alltäglichen Erlebnissen.

Das heißt aber auch, dass Gott nicht wie mit einem Paukenschlag alles anders macht. Josef von Arimathia schwindelt seine Frau an, wenn er sagt, es sei doch nur für drei Tage. Unsere Erfahrung mit Leid und Tod bleibt unsere Erfahrung. Es sind eben mehr als drei Tage, mehr als drei Wochen, manchmal ein Leben lang, in dem wir auch mit Leid und Tod, mit den dunklen Seiten unseres Menschseins leben und klarkommen müssen. Hat sich Gott damit vielleicht auch in den Ruhestand verabschiedet? Es scheint manchmal so, als habe er sich aus dieser Welt zurückgezogen, und das ist wohl auch eine der schwierigsten Herausforderungen und Anfechtungen für unseren Glauben. Schon Paulus hat das so empfunden, wenn er sagt: das Evangelium, das Wort vom Kreuz und Leiden Jesu, stellt sich für viele als eine Torheit dar. Ich glaube, es ist eine Gotteskraft, denn Gott selbst begibt sich in das tiefste menschliche Elend und stellt sich auch darin an unsere Seite. Auch mehr als drei Tage. Das erscheint absurd, aber darin hat unsere Hoffnung ihren Grund. Kein Leiden - noch nicht einmal der Tod - kann uns seitdem aus der Hand Gottes reißen.

Ich schreibe diese Zeilen in einer Zeit, in der wir durch den erneuten Lockdown nun schon zum 2. Mal am bedeutsamsten christlichen Feiertag keine Gottesdienste miteinander feiern und entspannt die österliche Freude genießen könnten.

Für mich ist es das zweite Mal in meinem Leben, dass ich nicht mit meiner Familie Ostern zusammenkommen kann.

In gerade diesen schwierigen Zeiten, wünsche ich Ihnen und Euch Erfahrungen mit dem Auferstandenen. Das leere Grab ist ein Zeichen dafür, dass die Lockdowns, die uns so sehr einengen, durch die Weite Gottes aus dem Weg geschafft werden, vielleicht bald, vielleicht wird es noch ein längerer Weg, aber es ist ein Weg, auf dem Gott uns hilft, unser Leben wiederzugewinnen.

Mit allen guten Wünschen für eine gesegnete Osterzeit

bin ich

Ihr/Euer

Martin Liebschwager

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