Impuls 03.07.2020

Jede Zeit hat ihre Aussätzigen

Von einer schlimmen Erfahrung einer Autofahrerin mit Gütersloher Kennzeichen wurde in dieser Woche berichtet, als sie am vergangenen Wochenende mit ihrer Tochter in Münster war:

Kaum hatten Mutter und Tochter mit ihrem Cabrio die Stadtgrenze passiert, ging es auch schon los. Mehrere Autofahrer signalisierten ihnen per Lichthupe, dass da irgendetwas nicht in Ordnung wäre.

Zuerst war es nur ein Verdacht, bald aber Gewissheit - spätestens als aus dem Nachbarauto zwei junge Frauen ihnen rüde zuriefen: "Verpisst Euch, Ihr Drecksschlampen!" Nun war den beiden Frauen klar, es muss an dem Corona-Hotspot Gütersloh und ihrem Gütersloher Kennzeichen liegen.

Als dann noch ein Mann mit einer symbolischen Handbewegung auf sie schoss, war es genug. Mutter und Tochter riefen die Polizei - und die geleitete sie dann sicher aus Münster heraus.

„Man fühlt sich zurzeit wie ein Aussätziger!“ Diesen Satz habe ich in den letzten Tagen häufiger bei uns im Kreis Gütersloh gehört. Und in der Tat erkennt man gewisse Parallelen im Umgang mit „Aussätzigen“ zu biblischen Zeiten.

Aussatz galt zur Zeit Jesu als schlimmste Art der Gottesstrafe. Aussätzige waren den Toten gleich. Sie zu heilen war wie eine Totenerweckung. Nur Gott konnte das vollbringen. Weil man heilbare und unheilbare Hautkrankheiten nicht unterscheiden konnte, mussten die Kranken beim geringsten Verdacht auf Aussatz an einem abgesonderten Ort leben, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Sie galten auch kultisch als unrein, wer sie berührte, durfte nicht am Gottesdienst teilnehmen. Krankheit und Sünde, Gesundheit und Heiligkeit wurden miteinander verknüpft. Deshalb musste die Heilung auch nicht von einem Arzt, sondern von einem Priester festgestellt werden.

Jede Zeit hat ihre Aussätzigen. Mutter Teresa von Kalkutta hat für unsere Zeit formuliert: „Die größte Krankheit heute ist nicht die Lepra oder die Tuberkulose, sondern vielmehr unerwünscht zu sein, ohne Fürsorge und verlassen von allen. Das größte Übel ist der Mangel an Liebe und Nächstenliebe, die schreckliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Nachbarn, der am Wegrand lebt, von Ausbeutung, Verderbnis, Armut und Krankheit heimgesucht.“

Die Bibel erzählt uns vom Umgang Jesus mit Aussätzigen. Er heilt sie und setzt damit ein starkes Zeichen. Ein Zeichen für das anbrechende Gottesreich, das mit ihm beginnt. Dieses Gottesreich grenzt niemanden aus, es lässt nicht zu, dass Menschen zu Randexistenzen erklärt werden. Papst Franziskus spricht oft davon, dass sich die Kirche an die Ränder begeben muss, dorthin, wo Menschen am Rand stehen oder an den Rand gedrängt werden. Das ist der Ansatz Jesu gewesen und das soll in den Augen des Papstes auch der Ansatz der Kirche von heute sein. Die Kirche handelt wie Jesus, wenn sie zu den Menschen geht, die isoliert, verkannt, krank, abgeschoben, abhängig oder hilfesuchend sind.

Kirche, das sind wir. Jeder von uns kann mitschaffen am Reich Gottes: eine Brücke zum anderen bauen, statt die Verbindung abzubrechen; den ersten Schritt auf den anderen zu tun, statt aus dem Weg zu gehen; die Hand reichen, statt die Tür zu weisen; ein Lächeln schenken, statt zu übersehen; zuhören, wenn jemand eine Klagemauer braucht; Verzeihung gewähren, nicht von oben herab, sondern von Herzen, weil wir selber von Gottes Erbarmen leben.

 

Pfarrer André Pollmann

Drucken E-Mail

 

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen