Impuls 30.04.2020

Auf meinem Schreibtisch liegt seit längerer Zeit ein Gedicht einer evangelischen Theologin. Es lautet: „Du sollst dich selbst unterbrechen.“ Eine wertvolle Er-innerung in Zeiten hohen Arbeitsdrucks. Da tut es not, einmal Luft zu holen, einen Spaziergang zu machen oder eine Tasse Tee zu trinken, - in aller Ruhe. Und dann kann es gut weiter gehen mit der Arbeit. Eine Unterbrechung schafft Raum für Neues und fördert die Kreativität. Eine altbewährte pädagogische Methode. Wir sollten sie uns zu eigen machen in unserem Alltag, auch als Ermöglichung geistlichen Lebens. Denn in einer Unterbrechung kann auch eine Leere entstehen, in die Gott Einzug halten kann, - wenn wir ihn nur lassen. Doch Hand aufs Herz: Eine Unterbrechung fällt vielen Menschen gar nicht so leicht.

Wie oft stöhnen Menschen unter ihrer Arbeitslast oder ihren vielfältigen Verpflichtungen und Terminen. Sie sehnen sich danach, doch endlich mal aus dem Hamsterrad des Alltagsgetriebes zu entfliehen. Seit Wochen erleben wir nun eine Unterbrechung globalen Ausmaßes durch die Corona-Krise. Sie erfolgte nicht freiwillig, sie wurde uns auferlegt. Diese Unterbrechung greift radikal in unsere ganz persönliche Lebensgestaltung ein. Wir erleben eine Unterbrechung unseres gewohnten Arbeitsalltages, unserer sozialen Kontakte und unseres Konsums.

Für manche fühlt sich diese Unterbrechung zumindest zeitweise ganz gut an. Ein Weniger an Arbeit und Terminen schafft z.B. Freiraum zum Ordnen von Dingen, die im Alltagsgetriebe oft liegen bleiben. Viele nutzen diesen Freiraum zur Kontaktpflege, wenn auch nur übers Telefon. Die Sehnsucht nach der Verbundenheit mit Menschen, die uns wichtig sind, wird in Zeiten sozialer Abstinenz manchmal besonders spürbar. Diese Unterbrechung kann allerdings auch als große Belastung erlebt werden. Menschen werden auf sich selber zurückgeworfen und leiden am Wegfall großer Teile des sozialen Lebens und einem damit einhergehenden Gefühl der Einsamkeit.

Wie auch immer, - ich sehe diese Krise nicht nur als einen bösen Schatten, der sich über die Menschheit gelegt hat. Sie hat auch ihre Chancen. Sie schärft den Blick fürs Wesentliche, für das, was Menschen wirklich miteinander verbindet und ihnen gut tut, wenngleich auch mitunter auf schmerzliche Weise. Jede Krise ist eine Entwicklungschance, - für jeden einzelnen Menschen und für eine Gesellschaft als Ganze.

 

Ihr Pfr. Christian Subir Roy

 

Du sollst dich selbst unterbrechen

Zwischen

Arbeiten und Konsumieren

soll Stille sein

und Freude

dem Gruß des Engels zu lauschen:

Fürchte dich nicht!

 

Zwischen Aufräumen und Vorbereiten

sollst du es in dir singen hören,

das alte Lied der Sehnsucht:

Maranatha, komm Gott, komm!

 

Zwischen Wegschaffen und Vorplanen

sollst du dich erinnern

an den ersten Schöpfungsmorgen,

deinen und aller Anfang,

als die Sonne aufging

ohne Zweck

und du nicht berechnet wurdest

in der Zeit, die niemandem gehört

außer dem Ewigen.

 

(Dorothee Sölle)

 

 

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